Ich möchte über das Scheitern reden, weil es so frustrierend ist, und weil es aber, trotz aller Mühe, passieren kann. Und, weil es neben Fehlern auf meiner Seite auch Muster gibt, die zum Scheitern führen.
Mit Scheitern meine ich, dass restorative Prozesse abgebrochen werden oder ohne befriedigendes Ergebnis enden; das sie schlecht ausgehen, weil das gewünschte – Frieden, Heilung, Rechenschaft, Reparation etc – nicht erreicht werden konnte. Das ist oft richtig schlimm, weil es Leute hoffnungs- und hilflos zurücklassen kann, machmal ohne weitere Option, manchmal mit dem einzigen Weg eines Gerichtsverfahrens, das man aber nicht wollte, manchmal mit der Konsequenz sozialer Isolierung.
Es gibt sicherlich viele verschiedene, auch individuelle Gründe, warum Verfahren scheitern. Drei Problematiken kehren aber immer wieder:
- Cis-Männer (Hetero, weiß) kommen nicht in die »Accountability«, in die Verantwortungsübernahme. Sie möchten gerne, dass alles möglichst schnell vorbei ist und ihr altes Leben wieder haben, und werden dann ungeduldig oder gehen in Blockadehaltung, wenn es länger dauert oder ihnen mehr abverlangt, als sie dachten. Es ist unglaublich schwer, weißen Hetero-Cis-Typen wirklich verständlich zu machen, was ihr Verhalten, ihre Handlung bei anderen ausgelöst hat und wie viel und wie tief liegende Veränderung bei ihnen nötig ist. Als Menschen an der Spitze jeder sozialen Hierarchie fehlt ihnen oft völlig der Zugang zu Empathie. Sie mussten sich noch nie damit befassen, was es heißt, eine andere, marginalisierte Lebensrealität zu haben, was es heißt, unter Unterdrückung zu leiden. Viele mussten noch nie wirklich für etwas Verantwortung übernehmen und Rechenschaft ablegen.
Bei einem meiner ersten Fälle hat sich eine Gruppe viel Mühe gegeben, einen Tatverantwortlichen zu begleiten. Sie wollten ihn nicht ausschließen, waren bereit, mit ihm einen langen Aufarbeitungsprozess zu machen, bei dem sie selber viel von sich investiert haben – und es war ihm einfach nicht möglich, die Sichtweise der Betroffenen zu akzeptieren oder auch nur ansatzweise nachzuvollziehen. Er hat dann in einem Schuldabwehr-move (mit dem Motiv: Anklagen der Ankläger) die Gruppe verlassen und jeden Kontakt abgebrochen. Das war nicht nur schmerzhaft für die Gruppe, in der einzelne mit ihm eine Freundschaft pflegten, sondern zeigte auch einen Mangel an Wertschätzung gegenüber deren Engagement. Ich war damals auch echt konsterniert. Seitdem habe ich das aber schon öfter gesehen, und stehe da auch etwas rätselnd davor. Wie erklärt man Menschen, die nie gelernt haben, accountable zu sein, was das ist? Mir geht dann oft der Satz durch den Kopf: »Accountability feels like persecution to those who’ve never been held accountable«. - Ideologie und Moralvorstellungen blockieren den Prozess bei Betroffenen. Leider passiert es immer wieder, dass auf Seite von Betroffenen jede Idee eines restorativen Prozesses kategorisch abgelehnt wird, zumal wenn es sich um einen Vorfall handelt, bei dem ein gesellschaftliches Herrschaftsverhältnis eine Rolle gespielt hat oder bestimmte Werte und Normen den Dialog tabuisieren.
Oder die Position im Verfahren ist so kompromisslos und verhärtet, dass kein sinnvoller Dialog möglich ist. Hier stehen sich manchmal Leute selbst im Weg – oder eher: hier stehen oft »Unterstützer:innen« oder übernommene ideologische und moralische Vorstellungen einer Reflexion darüber im Weg, was gerade tatsächlich die Bedürfnisse sind. Betroffene kommen dann gar nicht dazu, sich die Frage zu stellen, ob es interessant oder wohltuend sein könnte, bestimmte Fragen beantwortet zu bekommen, die eigene Geschichte zu erzählen, Reparation zu bekommen oder Abmachungen über die Zukunft zu treffen. Es ist völlig ok, das nicht zu wollen, und es wäre gut, wenn das eine informierte und frei getroffene Wahl wäre, und nicht etwas, das man sich verbietet oder von anderen mehr oder weniger verboten bekommt. Ideologie, Moral und (professioneller) Paternalismus sind keine guten Berater. - Geld. Mit ist noch einmal klar geworden, auch auf Grund eines schmerzhaften Scheiterns vor nicht so langer Zeit, dass ein guter Prozess viel Zeit braucht. Viele Vorgespräche, viele Einzelgespräche auch zwischendrin, und viele gemeinsame Treffen (ich weiß, dass es viel Zeit braucht, und bin dennoch immer wieder überrascht wie viel Zeit es wirklich braucht…!). Dazu kommt, dass es nahezu unmöglich ist, das sinnvoll online zu machen (zumindest für mich), das heißt, es kommen Reisekosten dazu. Und Raumkosten. Wahrscheinlich kostet ein restorativer Prozess 5 000€ und mehr (je mehr involvierte, desto mehr Arbeit), wenn man ihn vernünftig machen will. Das können und wollen nur wenige bezahlen. Aber überall wo man spart, geht Qualität flöten, und daran droht dann der Prozess zu scheitern. Umsonst kann ich aber auch nicht arbeiten. Es ist ein elender Spagat, und es zeigt, dass ein solches Angebot ohne Finanzierung durch dritte (Staat, Stiftungen, Versicherungen etc) eigentlich nicht haltbar ist. Andererseits sind staatliche finanzierte Angebote im gegenwärtige Sparwahn so schlecht aufgestellt, dass sie auch nicht so arbeiten können, wie sie müssten, um der Sorgfaltspflicht und den Bedürfnissen der Parteien gerecht zu werden. Ein bedingungsloses Grundeinkommen wäre zumindest für meine Arbeit kurzfristig eine Hilfe.
Vielleicht an der Stelle der Hinweis: Wenn Du Geld hast und meine Arbeit finanzieren willst, damit andere sie in Anspruch nehmen können und ich so arbeiten kann, wie es nötig ist, um einen bestmöglichen Prozess zu gewährleisten, kontaktiere mich gerne. Mäzenatentum ist eine valide Zwischenlösung. 🙂
All das wirft natürlich die Frage auf, was man macht, wenn es scheitert. Welches andere Angebot kann es dann geben, zumal wenn man Strafjustiz ablehnt oder der Vorfall ohnehin keine strafrechtliche Relevanz hat (was nicht heißt, dass er weniger schmerzhaft war)?
»Restorative Justice«, sagte die Trainerin bei meiner Fortbildung vor ein paar Tagen, «ist ein menscheitsgeschichtlich uraltes und allgegenwärtiges Verfahren. Seine Anwendung in modernen Gesellschaften aber ist brandneu. Wir sind wie Kinder, die gerade erst Laufen lernen.« Und wie Kinder müssen wir hinfallen und wieder aufstehen, hinfallen und wieder aufstehen, und so lange probieren, bis wir sicher gehen – und selbst dann stolpern wir manchmal als Erwachsene und fallen hin.
Kinder, die laufen lernen, werden aufgefangen und getragen oder in den Kinderwagen gesetzt, wenn sie hingefallen sind. Oder sie krabbeln einfach erstmal weiter. Was aber tun wir, wenn es (gerade, zu diesem Zeitpunkt) nicht möglich ist, einen schmerzhaften Vorfall restorativ aufzuarbeiten? Wenn die verantwortliche(n) Person(en) keine Verantwortung übernehmen, keine Rechenschaft ablegen will? Wenn die betroffene(n) Person(en) nicht zur Verfügung stehen, warum auch immer? Wenn beide vielleicht wollen, aber niemand den Aufwand bezahlen kann? Die Antwort aus der Transformative Justice Bewegung, einseitig mit den Parteien zu arbeiten bzw. »community accountability« Prozesse zu versuchen, ist sicherlich eine Möglichkeit. So richtig befriedigt mich das aber auch nicht, zumal viele Menschen hier gar keine »Community« haben, mit der sie arbeiten könnten, und der Care-Aufwand, der damit eihergeht, eine erhebliche Belastung sein kann. Die Gefahr ist, dass sich letztlich die auseinandersetzen, die sich eh schon immer kümmern, und nicht die, die es wirklich nötig hätten oder deren Job es eigentlich sein müsste (siehe Punkt eins).
Es ist vertrackt.
Was ich aus einer Diskussion auf der so eben zu Ende gegangenen Konferenz der »European Group for the Study of Deviance and Social Control« und meiner schon erwähnten Forbildung noch einmal mitnehme, ist die Notwendigkeit von Community Buildung und Community Care bevor etwas passiert, damit man darauf aufbauen oder diese Mechanismen nutzen kann, »wenn’s brennt«, so wie man Brandschutz betreibt, oder Gesundheit stärkt als Krankheitsvorsorge anstatt auf den Ernstfall zu warten. Das ist jetzt kein Masterplan und keine Antwort auf alle Fragen, aber es wäre mal ein Anfang. EIn Anfang, der sich klar dazu bekennt, abolitionistisch zu sein, also sich nicht der Strafjustiz zu bedienen, wenn man nicht mehr weiter weiß. Und vielleicht auch ein Ansatz, der die individualistische Betrachtung verletzender Handlungen hinter sich lässt und eine breitere soziale und gesellschaftliche Analyse ansetzt.