Wir leben wirklich in einer wilden Zeit. Neben all dem politischen Wahnsinn und der ökologischen und ökonomischen Krise haben wir es fast täglich mit Enthüllungen von sexualisierter Gewalt zu tun, die in ihrem Ausmaß und ihrer Brutalität mit unter kaum zu fassen sind. Ich möchte hier versuchen, eine restorative und abolitionistische Perspektive darauf zu entwickeln, trotz des enormen Schmerzes, den das (auch) bei mir anrichtet.
»Nicht alle Männer« – Vielleicht. Aber fast alle. Oder: doch! Alle Männer, und viele Frauen* auch. Als jemand, die seit Jahren – mehr oder weniger unfreiwillig – hauptsächlich mit Konflikten im Kontext von sexistischer, sexualisierter und sexueller Gewalt zu tun hat und dabei auch viele Tatverantwortliche begleitet, stelle ich fest, dass es einfach kaum Menschen gibt, die nicht bereits die Grenzen anderer verletzt haben. Das reicht von »harmloseren« Übergriffen und Kommentaren über den Vollzug nicht erwünschter sexueller Handlungen bis zu Vergewaltigung im Schlaf. Erstaunlich viele Menschen haben da, sagen wir mal salopp, »recht ordentliche« Leichen im Keller, also da geht es nicht nur um ein »gestohlenes« Küsschen. Was mir schon lange klar gemacht hat, dass sexualisierte und sexistische Gewalt keine Ausnahmeerscheinung, kein »Skandal« sind, sondern »Normalität«, ständig, überall vorhanden, also eigentlich banal alltäglich (was es nicht weniger grauenhaft macht!). Dass es daher ganz anderer Herangehensweisen bedarf, um der Problematik wirklich zu Leibe zu rücken, als das allseits praktizierte repetitve Outcalling. Und ich kann, trotz eigener mehrfacher Betroffenheit, in der Regel ganz gut darüber sprechen und damit umgehen.
Was in den letzten Jahren und Monaten aber an Grausamkeit ans Tageslicht kam, übersteigt auch meine emotionalen Fassungsgrenzen. Systematische, brutale, organisierte sexualisierte Gewalt gegenüber häufig sehr jungen Frauen (aber nicht nur) und selbst kleinen Mädchen. Es kriecht mir unter die Haut und verdirbt mir jede sexuelle Lust; es zerstört mein Vertrauen in Cis-Männer und erregt ganz allgemein Übelkeit. Ich glaube, dass nicht zu unterschätzen ist, was es gerade wahrscheinlich nicht nur mit mir macht, alle paar Tage mit einer so offen zur Schau gestellten Verachtung konfrontiert zu sein. Einerseits die Taten, andererseits das Schweigen und Verharmlosen und dann die Konsequenzlosigkeit.
Immer öfter denke ich in letzter Zeit an das Zölibat der Kämpfer:innen in der kurdischen Guerilla, welches damit begründet wird, dass heterosexuelle Beziehungen unter den derzeitigen Herrschaftsverhältnissen nicht vertretbar seien, da sie diese notwendigerweise reproduzierten. Früher fand ich das überzogen, heute denke ich mir: der Weg dahin, wirklich gleichberechtigte Beziehungen mit Männern zu führen, scheint doch noch sehr weit zu sein, und es ist viel mehr Arbeit als ich Kraft und Lust habe zu leisten. Alleine, so schrieb es bereits Laurie Penny in »Unsagbare Dinge«, und Statistiken belegen es längst, ist man als Frau* besser dran, nicht nur was Karriere und (mentale) Gesundheit angeht, nein, alleinstehende Frauen leben buchstäblich länger als verheiratete! Und angesichts des Ekels, den ich bei all den Nachrichten über das Ausmaß der Rape Culture empfinde, wird selbst Sex-dating mit Männern uninteressant. So viel zu dem, was das mit mir persönlich macht gerade.
Die Frage, wie man damit politisch und »juristisch« umgehen soll, drängt sich aber auch auf. Ist ein restorativer Umgang mit den Epstein-Täter:innen vorstellbar? Die Tatsache, dass derzeit eher gar nichts passiert und die einzige Person, die wirklich zu Rechenschaft gezogen wurde, eine Frau – die Partnerin und Komplizin von Epstein – ist, wird zu Recht von vielen skandalisiert. Es ist verlockend, die Inhaftierung der reichen und mächtigen Männer zu wünschen, und viele fordern das auch (tatsächlich ertappe ich mich mitunter dabei, ihnen sogar die Todesstrafe zu wünschen). Das Ausmaß und die Systematik der Gewalt sind eine Herausforderung für Menschen, die Strafe ablehnen und restorativ und transformativ arbeiten. Was tun mit dieser Monstrosität?
Ich denke, es ist zunächst wichtig, sich genau das einzugestehen: es ist herausfordernd, ja sogar überwältigend, wir haben nicht sofort die perfekte Lösung, wir sind vielleicht wirklich ratlos und schockiert. Und dann ist es wichtig, aufzuhören, sich an einzelnen »Bäumen« abzuarbeiten und ein paar Schritte zurückzutreten um den ganzen »Wald« in den Blick zu nehmen. Das, was da gerade passiert, mit der Veröffentlichung immer neuer »Skandale« sexualisierter Gewalt, ist das Aufbrechen eine Kruste, die seit Jahrhunderten existiert. Ein Vulkan, der lange schlief, aber immer da war, und jetzt seine ganze Abscheulichkeit herausspuckt. Dass diese Kruste jetzt aufbricht, dass plötzlich etwas, dass Jahrhundertelang geduldet war, nicht mehr als akzeptabel gilt, ist das nicht ein Zeichen dafür, dass der Zugriff schwächelt, dass die Herrschaft an Potenz verliert? Wahrscheinlich, aber man soll sich nicht darüber täuschen, dass sie noch über genug Waffenarsenal verfügt, um uns alle zum Schweigen zu bringen. Das Aufbrechen der Rape Culture Kruste basiert auf dem Aufbruch der Frauen* in ihre Freiheit. Es ist gut, dass das alles ans Tageslicht kommt, dass die patriarchale und kapitalistische Herrschaft in ihrer ganzen Hässlichkeit sichtbar wird (gerade im Fall von Epstein fallen beide ja zusammen, es sind reiche weiße Elite-Männer, die sich da ausgelebt haben).
Was aber machen wir jetzt damit? Alle wegsperren und den Schlüssel wegwerfen, wie es eins Schröder für »Kinderschänder« gefordert hat? Das würde die Aufmerksamkeit auf die Verfehlung der Individuen lenken und würde somit der Systematik und dem wachsenden Bewusstsein für diese Systematik nicht gerecht. Nein, es braucht andere Herangehensweisen. Nils Christie, einer der Pioniere von Restorative Justice, schrieb einst: je größer und schrecklicher die Verbrechen, umso mehr braucht es Restorative Justice, denn umso weniger wird die Strafjustiz dem gerecht werden können. Er kritisierte die Einrichtung des Internationalen Strafgerichtshofs als Rückschritt, weil damit umso mehr die Vorstellungskraft geschwächt wird, dass es andere Wege als den der Bestrafung geben könnte. Was also wäre eine angemessene, abolitionistische und restorative/transformative Herangehensweise?
Ich möchte das Beispiel Epstein-Kartell nutzen, um daran zu verdeutlichen, was auch für die meisten der anderen Fälle gilt, ohne auf sie im Speziellen einzugehen. Fangen wir da an, wo man anfangen muss: bei den Betroffenen. Die erste Reaktion muss sein, die Betroffenen zu schützen, zu unterstützen und anzuerkennen, ihnen zu glauben. Jede weitere Vorgehensweise muss sich daran orientieren. Betroffen sind die Frauen und Mädchen, die entführt, versklavt und pädophil ausgebeutet wurden, betroffen sind auch die Angehörigen derer, die das nicht überlebt haben, weil sie sich suizidiert haben oder umgebracht wurden (als Teil ihrer Versklavung oder um sie zum Schweigen zu bringen, für beides gibt es ja Hinweise). Betroffen sind aber auch die Angehörigen aller, die Eltern und Geschwister der entführten und verkauften Mädchen. Sekundär betroffen all jene, die ihnen nahe standen oder stehen, und das Leid mitbekamen.
Das bringt uns zur Gesellschaft, die auch betroffen ist, sie besteht ja zur Hälfte aus Frauen und Mädchen. Welche Nachrichten werden ihnen mit diesen Akten der Grausamkeit kommuniziert? Was bedeutet es für uns alle, wenn die Machtelite der Gesellschaft solche Verbrechen begeht? Diese Männer haben durch ihre gewaltvollen Handlungen indirekt auch der Gesellschaft geschadet. Hier wird es aber schon haarig, weil es ja die gleiche Gesellschaft ist, die diese Männer hervorgebracht hat und sich nun mehr oder weniger weigert, sie konsequent zur Rechenschaft zu ziehen. Diese Gesellschaft ist also mitverantwortlich.
Es gibt also auf der Seite der Tatverantwortlichkeit nicht nur die Individuen, sondern auch die Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die ihren Sexismus und ihre Klassenherrschaft nicht wahrhaben will (wobei das täglich schwieriger wird durch die Zuspitzung der Verhältnisse). Die Gesellschaft hat also eine doppelte Rolle: sie muss zu ihrer Verantwortung stehen, und sie muss als Betroffene die Individuen und Strukturen zur Rechenschaft ziehen. Sie wird da einspringen müssen, wo individuelle Betroffene nicht für sich einstehen können, und wo tatverantwortliche Männer keine Verantwortung übernehmen wollen. Sie wird im Rahmen restorativen Vorgehens politische und gesamtgesellschaftliche Entscheidungen treffen müssen, welche die Situation tiefgründig und tatsächlich transformieren.
Was wären restorative und transformative Maßnahmen?
Die Reaktion auf den Fall Dutroux (massiver Kindesmissbrauch in den 90er Jahren) in Belgien war die Einführung von Restorative Justice, weil die Gesellschaft feststellte, dass die Justiz damit überfordert ist und etwas weit darüber hinausgehendes gebraucht wird. Es wäre also nicht das erste Mal. Die Erfahrungen in Belgien sind dabei keineswegs schlecht. Methodisch ließe sich hier sicherlich einiges lernen. Zunächst einmal konkret: es gibt mehrere Ebenen und mehrere Fragen zu bearbeiten.
– Wer wurde verletzt und wodurch?
Es muss aufgeklärt werden, die Taten müssen benannt und ihre ganze Auswirkung analysiert werden. Es muss klar sein, worüber wir sprechen. Die Dokumente müssen vollumfänglich publiziert und koordiniert und systematisch analysiert werden. Und die Betroffenen müssen im Zentrum stehen, sie müssen anerkannt werden und ihnen muss geglaubt werden. Die, die anonym bleiben möchten, müssen anonym bleiben können.
– Was brauchen die Betroffenen und Beteiligten?
Betroffene, die Schutz brauchen, müssen geschützt werden. Verschiedene Kreisverfahren können helfen, Unterstützung, Heilung, Anerkennung und dergleichen mehr zu bieten. Die Gesellschaft muss finanzielle Mittel für die Heilung und Unterstützung von Betroffenen, aber auch für das Durchführen restortiver Verfahren bereitstellen. Es wird ein großes »Palaver« in der Gesellschaft brauchen, um die Dimension des Geschehenen zu begreifen und aufzuarbeiten, auch hierfür eignen sich viele kleine, lokal organisierte Keisverfahren. Sharing Circle,s Talking Circles, Healing Circles, aber auch solche, bei denen Menschen (Männer) zu ihrer Verantwortung stehen können (denn das, was im Großen passiert, ist ja nur ein Spiegel dessen, was täglich im Kleinen stattfindet)
Reparation muss geleistet werden. Und hier wird es interessant weil politisch. Es handelt sich bei den Tatverantwortlichen durchweg um finanzstarke mächtige Individuen, die Taten wurden mitunter gerade auf Grund dieses Statuses überhaupt in der Form begangen. Die extreme Ungleichheit in der Gesellschaft, die politisch gewollt und zugelassen wurde, hat diese Taten begünstigt und ermöglicht. Der Staat wird also nicht nur für sein eigenes Versagen (Schutz von Kindern vor Gewalt und Ausbeutung) gerade stehen müssen, sondern es wird notwendig sein diese Ungleichheit zu beenden, das heißt: freiwillige Reparation, vielleicht zustande gekommen durch ein restoratives Verfahren, wird nicht reichen, Besteuerung bis zur Enteignung wird nötig sein, um die Konsequenz aus dem zu ziehen, wozu über alles erhabene Machteliten fähig sind. (Hier kann man sich fragen, wie realistisch es ist, dass ein Staat, der im Großen und Ganzen von genau diesen Eliten gesteuert wird, Maßnahmen zu ihrer Entmächtigung ergreift).
Damit aber nicht genug. Ich habe den Eindruck, dass die Monstrosität des Epstein-Falls wirklich nach etwas ganz anderem schreit als einer schnöden juristischen Bearbeitung. Wir müssen eigentlich über alles reden, alles in Frage stellen, alles ändern. Schluss mit den pädophil geprägten weiblichen Schönheitsidealen, mit den Schönheitsoperationen, mit rasierten Intimbereichen und Diäten. Schluss mit den von Stärke und Härte geprägten Männerbildern, mit männlicher sozialer Inkompetenz und dem Care-Gap. Schluss mit Gefälligkeitssex, ja vielleicht sogar einfach überhaupt Sexstreik bis Männer an sich arbeiten. Reden darüber, wie wir Jungs aufziehen und erziehen. Das ganze Schulsystem kann eigentlich weg so wie es ist, es muss radikal anders werden, damit Kinder empathisch bleiben anstatt in Mobbing und Ausbeutung trainiert zu werden. Weg mit dem Justizsystem, dass die reichen und mächtigen schützt und alle anderen zerstört. Nie hat sich seine absolute Inkompetenz besser gezeigt als jetzt. Schluss mit der Idee, dass man sich für Geld alles kaufen kann, dass Menschen oder überhaupt alles Lebende »Ressourcen« sind, die man konsumieren kann. Schluss mit der Herrschaft der reichen weißen Männer, dem ganzen kapitalistischen und patriarchalen Dreck.
Alle Lösungen, dahinter zurückbleiben, verlängern das in der aufbrechenden Misogyniekruste deutlich werdende Problem nur anstatt es zu bewältigen und zu beenden.