Dann sind wir wohl alle Arschlöcher

Zum Statement der Gruppe um die Ex-Freundin von Henning. (zu lesen hier https://de.indymedia.org/node/160639)

Die Auseinandersetzung um Henning’s Übergriffe auf dem Moni’s Rache Festival geht weiter, und das ist gut, denn wir sind weit vom Ende einer Aufarbeitung entfernt, wenn es so etwas denn geben kann. Umso besser, wenn immer mehr Details und Aspekte betrachtet werden, wie zum Beispiel der Umgang der «Szene» mit Hennings (ehemaliger) Liebesbeziehung. Was ihre Supportgruppe in oben verlinktem Text beschreibt, erfüllt mich mit Entsetzen und Grauen. Sie wurde also in Sippenhaftung genommen und ihrerseits mit Sanktionen belegt. What the actual fuck. Die Gruppe fordert, dass das reflektiert und überdacht wird, dem kann ich mich nur anschließen, und es wäre vielleicht auch nett, wenn man das bei ihr entstandene Leid anerkennt und bedauert, sie um Verzeihung bittet. Es ist verständlich, dass sie mit ihm assoziiert wurde, aber dass dabei vergessen wurde, dass sie ggf. selbst Betroffene ist, zeigt, wie unterkomplex der Umgang mit Gewalt, zumal sexualisierter, in dieser sogenannten Szene ist. Es wird, wie auch die Gruppe feststellt, laut gebrüllt und überstürzt gehandelt, und dann geht’s zurück zur Tagesordnung, bis zum nächsten Fall. Das beste Standing hat, würde ich hinzufügen, wer am lautesten brüllt und am härtesten sanktioniert. (Wie im echten Leben, hallo Talkshows, hallo Kriminalpolitik.)

Besonders interessant an dem Text finde ich den Bezug zu Empathie sowie der Versuch, die gesellschaftliche Bedingtheit sexualisierter Gewalt (-täter*innenschaft) mitzudenken und die Widersprüchlichkeit von menschlichen Persönlichkeiten anzuerkennen. So kommt die Gruppe zu der Erkenntnis, dass potenziell jede*r Täter*in werden kann, es mithin wenig hilfreich (aber sehr bequem) ist, die Gewalt zu externalisieren (othering), einzelne auszusperren und somit nicht an die sozialen Wurzeln der Gewalt zu kommen und auszublenden, dass sie uns alle durchzieht.

Danke, endlich, ja genau!

Und dann bezeichnen sie Henning einfach als Arschloch. Ich habe Fragen. (Natürlich kann ich verstehen, dass seine Taten Abscheu hervorrufen, und niemand muss ihn sympathisch finden, keine Frage)

  • welche Strategien der Resozialisierung kann es geben?
  • Können Menschen sich ändern, und wenn ja, woran erkennt man es und ab wann wird es akzeptiert?
  • wenn wir alle (potenzielle, aber ich würde eigentlich sagen, tatsächliche, weil ich fest davon überzeugt bin, dass jede*r schon einmal Gewalt ausgeübt hat, auf unterschiedliche Art) Täter*innen sind, und Henning ein Arschloch ist, sind wir dann alle Arschlöcher?
  • Wenn es soviele verschiedene Bedürfnisse und Strategien des Umgangs gibt wie es Betroffene gibt, wie soll sich ein*e Beschuldigte*r verhalten?
  • Wenn eine Forderung lautet, Verantwortung zu übernehmen und sich nicht wegzuducken, die Person aber überall ausgeschlossen ist, wie soll sie sich äußern? Auf welchen Wegen kommunizieren?
  • Warum ist es falsch, wenn Henning, von dessen Taten potenziell Hunderte bis Tausende betroffen sind, die zT anonym sind, sich über einen Blog äußert? Inwiefern «nimmt er sich Raum» in einem Raum, der unbegrenzt groß ist, auf eine Art, die niemanden damit konfrontiert, der*die nicht aktiv die Seite besucht und die es allen ermöglicht, ihn zu ignorieren? Wird hier nicht einfach Jargon unbedacht benutzt?
  • Wenn Ausschluss die Form des Umgangs ist und wir alle Täter*innen sind, werden dann die ausgeschlossen, die das «Pech» hatten, erwischt zu werden? Sind dann nicht die, die übrig bleiben, sogar gefährlicher, weil sie ihre Gewalt besser verstecken können?

Kurzum, ich stimme sehr weitgehend mit den Punkten der Supportgruppe überein und teile viele ihrer Bedenken und Kritik. Es wäre super, wenn sie mit ihrer Haltung noch weitergehen und die Konsequenzen des eigenen Denkens, der eigenen Erkenntnisse ziehen.

Vielleicht sind wir alle Arschlöcher. Und jetzt?

PS.: Ich finde es konstruktiver, zu denken, dass wir alle auch gute Seiten haben, und dass dies die Seiten sind, an die wir andocken können, um positive Entwicklung zu begünstigen. Eine andere Chance sehe ich nicht.

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