Neue Termine 2020

27.10. Buchvorstellung Strafe und Gefängnis in Offenburg. näheres folgt

29.10. Buchvorstellung Strafe und Gefängnis in Lüneburg. Näheres folgt.

31.10./01.11. Das Strafen überwinden. Workshop zu Restorative Justice, Friedensbildungswerk Köln. Anmeldung hier.

Die Geschichte von Harry

Eine Parabel über die Vielschichtigkeit von Menschen

Gestern habe ich Harry wieder getroffen, wir hatten uns sicher drei Jahre nicht gesehen. Wir sind uns am See über den Weg gelaufen, er wie immer braun gebrannt, gut gelaunt und zu einem Schwätzchen aufgelegt. Sie würden jetzt Müll sammeln, am See, und hätten einen Verein gegründet, der sich um den See kümmern will. Ich war gerührt.
Den See? Es geht um einen alten Baggersee, in der Nähe von Köln. Seit Generationen kommen die Menschen hierher, zum Baden, Tauchen, Schwimmen, Hunde ausführen, Grillen, Feiern, Chillen und Angeln. Der See ist in Privatbesitz, und jedes Jahr wird ein kleines Ritual begangen. Die Eigentümer*innengemeinschaft stellt einen Zaun auf und Schilder, dass der Zutritt verboten ist. Keinen halben Tag später ist der Zaun wieder niedergetrampelt und die Schilder abmontiert. Zeitweise haben sie es mit Securities versucht, aber bei hunderten, zum Teil nackter Badegäste wurde das nur skurril.
Der See liegt im Einzugsgebiet zweier Stadtteile Kölns, einem eher wohlhabenden und einem eher armen Viertel. Ich habe mal ausgerechnet, dass im näheren Umkreis ca 20 000 Menschen wohnen. Und es mangelt in Köln an Naherholungsgebieten, besonders solchen mit Gewässer und kostenlosem Zugang. Vor Jahren hatte ich versucht, eine Kampagne ins Leben zu rufen, die in Anlehnung an altes Gewohnheitsrecht und den nordischen Brauch, dass Gewässer allen zugänglich sein müssen, für eine freie Nutzung des Sees kämpft, denn mittlerweile planten die Eigentümer*innen eine kommerzielle Nutzung inklusive Wasserskianlage. Der Kampf um den freien Zugang zur Natur ist Teil der alten Arbeiterbewegung, Vereine wie die »Naturfreunde« sind daraus hervorgegangen – ihr Gruß »Berg frei!« erinnert an diese Forderung.
Leider gelang es mir damals nicht, genügend Nutzer*innen des Sees für ein Engagement zu gewinnen. Bei einem angesetzten Müllsammeltermin als erster gemeinsamer Kennenlernaktion stand ich alleine beim verabredeten Treffpunkt. Ich gab es auf und zog später auch weg.

Harry ist gelernter Schlosser und glücklicher Arbeitsloser. Seit seiner frühen Jugend ist er arbeiten gegangen, und seit er 40 ist, hat er die Schnauze voll. Er findet nicht, dass er der Gesellschaft noch etwas Lohnarbeitsförmiges schuldig ist und verbringt seine freie Zeit im Sommer jeden Tag am See. Früher kam er auch regelmäßig ins Naturfreundehaus, wo wir eine Art Stadtteilzentrum eingerichtet hatten. Mittwochs war unser »Sozialtag«: Es gab eine Lebensmittelausgabe, eine Arbeitslosenberatung und Kaffee für alle. Meistens kochte jemand oder es gab belegte Brötchen gegen Spende, und im Sommer wurde auf der Terrasse und im Garten abgehangen. Harry war ein Mittwochsgast. Er half, wenn es wo mit anzupacken galt, aber ansonsten genoss er es einfach, wie manche andere auch, dass »etwas los« war und man mit Leuten schwatzen konnte. Bei der Kampagne für den See hat er damals nicht mitgemacht, auch wenn er es eine gute Idee fand.

Wie wir so da standen und er mir von der neuen Initiative erzählte, ging mir das Herz auf. Sollte etwa doch etwas aus meinen damaligen Bemühungen gekeimt sein? Sogar den Spruch »Rather See frei!« hatten sie als Slogan übernommen. Ist da etwa eine Saat doch noch aufgegangen? Es war schön zu sehen, dass da nun sogenannte »normale Leute«, keine Berufsaktivist*innen, Verantwortung übernommen hatten und sich sichtbar aktiv kümmerten. Sie haben selbstgemachte Schilder aufgestellt, die zu einem respektvollen Umgang mahnen, verfolgten die Bauplanungsverfahren für die Wasserskianlage, versuchten, zu intervenieren, und wehrten sich zusammen mit den vielen anonymen Nutzer*innen gegen immer wieder aufgestellte Zäune. Ich bin gespannt, was passieren wird, wenn mit Beginn der Bauarbeiten die »heiße Phase« beginnt.

Während ich mich so darüber freute, dass der Kampf für den Erhalt der freien Nutzung des Sees weitergeht und von Leuten übernommen wurde, von denen ich es zunächst nicht vermutet hätte, erzählt Harry weiter. Die Mächtigen würden sich ja immer mehr herausnehmen und man müsse Widerstand leisten, ob ich gesehen hätte, was da in Berlin abgegangen sei? Berlin? Achja, oh weh, die Coronaleugner-Demo. Ob ich denn »daran« glauben würde? Ich sei krank gewesen, entgegne ich, nun etwas entsetzt über die Wendung des Gesprächs, und würde es keinem wünschen. Er glaube das alles nicht, so wie das laufe, sei das doch durchsichtig, dass es dazu diene, die Gesellschaft noch stärker zu kontrollieren. Uff!
Ich versuche, Sachen auseinander zu dividieren: es sei etwas dran, dass man der Regierung nicht vertrauen dürfe, dass sie die Gelegenheit für eine Ausweitung von Kontrolle nutzen würden – was ja aber nicht heißen würde, dass es kein gefährliches Virus gäbe, sage ich. Wir werden uns nicht einig. Weißt Du, Harry, entgegne ich ein letztes Mal: ob es »Corona« nun gibt oder nicht: durch den Klimawandel, die Zerstörung von Lebensräumen und das Auftauen des Permafrost werden wir noch mit vielen, vermutlich viel gefährlicheren Viren zu tun haben. Es ist eine Realität, dass es sie gibt und dass wir nicht vorbereitet sind. Ja, sagt er, und wer ist Schuld an diesem Klimawandel? Und analysiert mir haarklein am Beispiel von Autoersatzteilen, wie alles auf Ressourcenverschwendung, Wegwerfen und sinnlosen Konsum ausgerichet ist, nur um immer mehr Profite zu machen. Ja, da sind wir uns wieder einig.

Nein, ich werde Harry nicht einfach als Coronaleugner abstempeln. Harry ist kein Intelektueller, aber er hat in vielen Dingen Recht und tut das Richtige. Bei Corona täuscht er sich, aber darauf kann man ihn nicht reduzieren. Diese Anerkennung der Vielschichtigkeit von Menschen ist Basis jedes strafabolitionistischen Denkens und Handelns. Es ist ein tägliches Üben und Sich-daran-Erinnern, dass niemand auf eine Handlung oder einen Teil seiner Persönlichkeit reduziert werden kann, und dass das eine Grundvoraussetzung dafür ist, um Veränderung möglich zu machen und Dynamik in die Verhältnisse zu bekommen.
Dass Linken nichts besseres einfällt, als mit dem Finger auf die Leute zu zeigen, anstatt sich in Kämpfe einzumischen und sie emanzipatorisch zu wenden (wie es die Linke in Frankreich bei den Gilets Jaunes zB erfolgreich getan hat), ist ein Grund ihrer Schwäche. Es ist ja so viel einfacher, die anderen für bekloppt zu erklären und sich in seiner eigenen Rechtschaffenheitsgewissheit zu sulen. Wenn schon die Idee, hinzugehen und die Nazis rauszuhauen und mit den Leuten über die Ambivalenzen und Differenzen zu streiten, als illusorisch und sinnlos empfunden wird, sind wir hier noch weit von einem Aufstand entfernt. Es ist aus einer französischen Warte merkwürdig zu sehen, dass deutsche Linke irgendwie auf einen von vornherein korrekten Protest hoffen, in den sie sich dann einmischen können, anstatt zu begreifen, dass es immer und notwendigerweise verschwurbelt sein wird und dass es auf UNS ankommt, das zu ändern. Da sieht man, wie weit sich die linke Blase von jedem Kontakt mit Nicht-eingeweihten entfernt hat. Viele, viele Feigezingerlängen weit.

Buchvorstellung in BONN 28. Juli 2020

Dienstag, 28. Juli, 19h30: Buchvorstellung Strafe, Gefängnis, Alternativen
BUCHLADEN LE SABOT, BONN (OPEN AIR)

Die Veranstaltung findet im Hof links neben dem Buchladen mit den entsprechenden Coronaregeln statt. Bei Regen wird sie auf den 30. Juli verschoben. Regnet es dann auch, fällt sie ins Wasser.


Dass wir strafen, erscheint uns eine Selbst-verständlichkeit. Manchmal erfüllt sie uns mit Unbehagen, aber wirklich in Frage stellen wir sie nicht. „Strafe ist die Wurzel der Gewalt auf unserem Planeten“, schreibt der Begründer der Gewaltfreien Kommunikation, Marshall Rosen-berg. Strafe ist ein Kern von Herrschaft: sie bedarf Institutionen, die sie ausführen und bedeutet, dass sich ein Individuum über das andere erhebt. Während einzelne Institutionen der Strafe (wie z.B. das Gefängnis oder auch die Züchtigung in der Schule) konjunkturell kritisiert werden, ist die Kritik der Strafe als solches eine Seltenheit. Um einer friedlicheren und freieren Gesellschaft näher zu kommen, ist daher die Infragestellung von Bestrafung notwendig.
Wie aber kann es anders gehen? Welche Alternativen gibt es? In antikolonialen Befreiungskämpfen, indigenen Kulturen und marginalisierten Communities finden sich eine Menge anderer Verfahren der »Unrechtsbewältigung« oder »Gerechtigkeitsfindung«.
Als »Restorative Justice« und »Transformative Justice« werden solche Alternativen heute auch in weißen Mehrheitsgesellschaften diskutiert.
Dass sie jedoch nach wie vor nur marginal angewandt werden, liegt auch daran, dass sie außerhalb der Fachkreise unbekannt sind und es keine gesellschaftliche Bewegung gibt, die sie praktiziert und einfordert. Das gilt es zu ändern.

Beitrag in der Jungle World

Mein Beitrag zur Disko über den Umgang mit (sexualisierten) Übergriffen. Diese Diskussionsreihe in der Jungle World ist wirklich lesenswert. Es wäre sehr zu wünschen, dass sich das jetzt auf die Praxis auswirkt, wo leider immer noch inquisitorische Methoden vorherrschen, was mich immer wieder wütend und verzweifelt macht

https://jungle.world/artikel/2020/29/eine-bessere-konfliktkultur-aufbauen

Disclaimer: es heißt nicht “restaurativ” sondern restorativ und schon gar nicht “restaurative Gerechtigkeit”, das ist mir hineinlektoriert worden. Für das Wording zu dem Thema halte ich die deutschsprachige Fachzeitung “TOA-Magazin” maßgebend. Leider konnte ich das wegen Urlaub nicht mehr korrigieren.

Filmtipp zu Restorative Justice – Aktuell in der Arte Mediathek

Mediation – Chance für Opfer und Täter

Im Dialog will man Tätern und Opfern die Gelegenheit geben, ihre Geschichte zu erzählen und so das Geschehene gemeinsam zu verarbeiten. Mit Hilfe von Mediatoren will man Verständnis schaffen – für beide Seiten. Doch lassen sich zwischenmenschliche Schäden überhaupt wiedergutmachen? Kann ein Opfer-Täter-Dialog wirklich befreiend sein? Was, wenn die Gespräche nicht konstruktiv sind, keine heilende Wirkung haben? Viele juristische Instanzen zögern, derartige Verfahren zuzulassen. In Belgien wird Jugendmediation bereits seit Jahren mit Erfolg angewandt; in der Schweiz hingegen stecken derartige Methoden noch in den Kinderschuhen. François Kohler dokumentiert die schwierige Umsetzung eines Mediations-Pilotprojekts in Gefängnissen in der deutsch- und französischsprachigen Schweiz und begleitet sowohl Täter als auch Opfer.

İdil Baydar: Autorität ist nicht, eine Waffe zu tragen

https://www.zeit.de/gesellschaft/2020-07/idil-baydar-schauspielerin-kabarettistin-polizeigewalt-nsu-shishabars-brennpunkte

Zu diesem, im Großen sehr guten Interview vmit Idil Baydar möchte ich mit Geoffroy de Lagasnerie erwidern: Es ist der Zweck der polizeilichen Ordnung (“Ordre policier”) migrantische, schwarze Körper zu eliminieren.
Das hört sich radikal an, hat aber etwas mit der Geschichte der Entstehung der Polizei, wie wir sie heute kennen, zu tun. Die längste Zeit der Geschichte gab es so etwas wie Polizei überhaupt nicht, die Menschen haben trotzdem nicht schlechter gelebt.
Der Polizeiapparat hat Wurzeln im Überwachungsapparat der Sklavenbesitzer*innen auf den Plantagen. Er hat Wurzeln in der Inquistion und der Vernichtung der Reformchrist*innen, in der Vertreibung und Enteingung der Landbevölkerung zum Zweck ihrer Proletarisierung. Die Polizei hat zur Aufgabe, die Besitzenden und die Privilegierten zu schützen, ihre Intereseen durchzusetzen.
Da helfen keine Reförmchen, interkulturelle Trainings etc. Die Polizei als Struktur in dieser Form muss abgewickelt werden. There is no alternative.

 

Die Jungle World zu “Tranformative Justice” und sexualisierter Gewalt

In der linken Wochenzeitung “Jungle World” wird in der Rubrik “Disko” über die Frage des Umgangs in der Linken mit sexualisierter Gewalt diskutiert. Dabei geht es auch um Transformative Justice / Community Accounatbility.

Die Diskussion wird über mehrere Wochen fortgesetzt und ich schreibe auch einen Beitrag. Stay tuned!

Black Penal Abolitionists

Straf- und besonders Gefängnisabolitionismus ist nicht nur aus der Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei entstanden, sondern ist auch heute, besonders in den USA, eine von der Schwarzen Community getragene Bewegung.

Wenn ihr schwarze Abolitionist*innen lesen wollt, gibt es außer der Pflichtlektüre von ANGELA DAVIS zum Beispiel folgende weiter Autor*innen:

Vanessa Eileen Thompson und Jeannette Ehrmann haben beide in meinem Buch einen Beitrag geschrieben (“Abolitionistische Demokratie”)
Michelle Alexander (Buch “The new Jim Crow”)
Kali Nicole Gross (“African American Women, Mass Incarceration, and the Politics of Protection”)

… und es gibt noch viele mehr, zum Beispiel die Initiative “INCITE! Women of Color against violence” incite-national.org

 

Online Buchpremiere: Weggesperrt von Thomas Galli

Wer Zeit und Lust hat, kann einer Online Buchpremiere mit Podiumsdiskussion von Thomas Gallis neuem Buch “Weggesperrt” beiwohnen:

https://www.koerber-stiftung.de/veranstaltungsuebersicht/weggesperrt-2989

Unbestreitbar gibt es ein Bedürfnis der Gesellschaft nach Strafe: Wer gegen Gesetze verstößt, soll nicht ungeschoren davonkommen. Den Täter zur Verantwortung zu ziehen, ihn zur Reue anzuhalten, abzuschrecken, den Opfern Genugtuung zu verschaffen und die Gesellschaft vor Gefahren zu schützen – das sind die Hoffnungen, die sich an Gefängnisstrafen knüpfen. Aber aus seiner jahrzehntelangen Erfahrung weiß der Rechtsanwalt und ehemalige Gefängnisdirektor Thomas Galli: Selten wird auch nur eines dieser Ziele erreicht.

In seiner Streitschrift »Weggesperrt« fordert er daher den weitgehenden Verzicht auf Haftstrafen. Welche Alternativen bereits existieren und welche Wirkung die derzeitigen gesellschaftlichen Erfahrungen mit Isolation und Kontaktsperre haben, diskutiert Thomas Galli mit Arnd Henze vom WDR. Denn für die allermeisten Straftäter brauchen wir einen alternativen, wirkungsvollen Strafvollzug, um in einer Welt mit mehr Gerechtigkeit und Sicherheit zu leben.

Moderation: Arnd Henze, WDR

WDR 5: Es geht auch ohne Knast

Guter Beitrag zur derzeit wieder heißer diskutierten Frage, ob man die Knäste nicht endlich überwinden könnte. Inklusive Wortbeiträgen von mir.

https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr5/wdr5-neugier-genuegt-das-feature/audio-es-geht-auch-ohne-knast-100.html

Reihe: Neugier genügt. Autor: Miltiadis Oulios

Und noch was zum Hören: